Das Sexualleben meiner Eltern


Ich hätte nicht gedacht, dass meine Eltern ihr Sexualleben nach mir richten.
Vater trinkt ein Glas Milch.
„Nun geht das schon vier Wochen so“, sagt er nachdenklich (im Augenwinkel kess). „Bandscheiben. 24 Stunden am Tag.“
Wie er da steht, mit seinen 63 Jahren! Grade, ohne Fehl und Tadel.
„Die Managerkrankheit.“
Ich erwidere: „Da kann ich dir was zeigen. Übungen, die helfen könnten.“
Aus meinen Niederungen.
Er äußert sich nicht dazu, er trinkt seine Milch.
„Die Bewegungen der Scheide“, sagt er plötzlich, lacht (und überrascht mich vollkommen), „helfen da doch nicht, oder?“
Von links betritt meine Mutter die Küche.
Sie schämt sich.
Ich: „Aber ja!“ Ich laufe erst langsam warm. „Das ist das Beste gegen jede Art von Kreuzschmerzen.“
„Meinst du wirklich?“
Ich nicke emphatisch (höre nicht mehr auf).
„Wie wär´s denn“, sagt der Vater zur Mutter. „Wenn unser Sohn das sagt, wenn er das für medizinisch indiziert hält, da gibt´s jetzt kein Zurück.“ Und er fasst sie an der Hand, der Alte die Alte, und sie verschwinden um die Ecke.

Auf dem Kühlschrank läuft der Fernseher.
Ohne Ton.
Die Glühbirne ist matt, 40 Watt für einen Raum.
Ich strecke die Füße.
Ich reibe ein Sichtloch in das beschlagene Fenster.
Die Nacht.
Ich saufe.
Aus dem Schlafzimmer vernehme ich keinen Laut.
S***, meine Schwester, spült weg. Wischt den Tisch. Und vermählt sich wieder mit der Wand.
Ich bin 63, ich lasse die Zeit über mich hingehen.

„So, das war nicht schlecht“, leiert mein Vater den Bericht herunter.
„Ganz nach der Devise: ´Stoß dich gesund!´ Die belebende Kraft der Geschlechtsverkehrs sollte man nie außer Acht lassen. Passiert ja leicht. Man achtet nicht drauf, schon sind zehn Jahre ohne Ejakulation ins Land gegangen. Kein Wunder, wenn´s Bandscheibenvorfälle gibt – “
Still betrachtet meine Mutter die Spritze.
„Ich bin froh, wenn ich behilflich sein konnte.“
Ich hole ein Brettspiel heraus.

Traummodus, Gewahrsein, Liebreiz. Bin naturgemäß davon überzeugt, dass nichts wirklich ist. Aber wie dann doch alles impertinent da ist! Da, da, da – und es blüht und wächst, tiert, starrt, keucht, regt sich. Ich könnte heulen, vor Wut, dass nichts von außen zu greifen ist, nur von innen. Ein Foto, der Herr!! Wie fremd. Tanz mit dem Teufel, der ist der, der immer schon vorher da war. Wandmalerei. Von seiner Hand.
Mein Vater sagt: „Die Gefahr ist gegeben, dass man den Vätern ins Netz geht, verspätet, dann doch. Zuletzt hältst selbst du Mozart für das größte musikalische Genie.“
„Dann ist es aber Zeit, den Wecker zu stellen.“
„Eben.“
Mutter: „Sind wieder Themen.“
Wir räkeln uns, alle drei, gleichzeitig.
Positionswechsel. Der Hexenschuss brüllt (aus dem Schrank heraus).

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